„Worte, die wirken“: Unser Fortbildungsprogramm im Fokus von Justizministerin Prof. Geiert
Ein Beitrag von EINSATZ+
Einsätze sind nicht nur fachlich anspruchsvoll. Einsatzkräfte begegnen Menschen in Ausnahmesituationen – unter Zeitdruck, Stress, mit unterschiedlichen Erwartungen, Sprachbarrieren und hoher Anspannung.
Genau hier setzt „Worte, die wirken“ an: mit Kommunikation, Deeskalation und kulturellem Verständnis als zusätzlichen Werkzeugen für Situationen, in denen neben der fachlichen Kompetenz auch der Umgang miteinander entscheidend wird.
Am 7. September war Prof. Constanze Geiert, Sächsische Staatsministerin der Justiz, zu Besuch in der Feuerwache 2 in Dresden, um sich selbst ein Bild von „Worte, die wirken – Deeskalation, Kommunikation und kulturelles Verständnis im Einsatz“ zu machen. Das von EINSATZ+ konzipierte und gemeinsam mit den Projektpartnern (siehe unten) durchgeführte Fortbildungsprogramm ist seit fast einem Jahr fester Teil der Fortbildung vor Ort.
Dabei blieb es nicht bei einer Vorstellung des Konzepts: Prof. Geiert kam mit den Menschen zusammen, die das Projekt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven begleiten und umsetzen, mit den verantwortlichen Führungskräften aus Feuerwehr, Rettungsdienst, kommunalem Vollzugsdienst und Verwaltung, mit uns als EINSATZ+ sowie mit den TrainerInnen, die die einzelnen Fortbildungsmodule selbst durchführen und schaute anschließend sogar selbst in eines der laufenden Trainings hinein.
Die Projektpartner
Hinter der Fortbildungsreihe „Worte, die wirken“ steht eine sehr konkrete Einsatzrealität: Feuerwehr und Rettungsdienst in Dresden bewältigten 2025 gemeinsam 179.051 Einsätze. Einsatzkräfte treffen dabei täglich auf Menschen in Ausnahmesituationen – unter Zeitdruck, mit Sprachbarrieren, unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen von Nähe, Familie, Autorität oder Hilfe. Hinzu kommen Situationen, in denen Einsatzkräfte mit Beschimpfungen, Provokationen oder Gewalt konfrontiert werden.
Genau hier setzt das Projekt an.
Nicht erst handeln, wenn es eskaliert
In der bisherigen Aus- und Fortbildung gab es bereits Angebote zur Selbstverteidigung. Gleichzeitig wurde deutlich: Herausfordernde Einsatzsituationen entwickeln sich oft schon lange vor einem möglichen körperlichen Übergriff. Die Fortbildung richtet den Blick auf frühe Warnsignale, sich verändernde Dynamiken und die Frage, wie Einsatzkräfte mit Kommunikation, Wahrnehmung und Deeskalation möglichst früh Einfluss auf eine Situation nehmen können.
Es geht also primär darum, den Handlungsspielraum zu erweitern, gerade in den Momenten, in denen eine Situation noch steuerbar ist. Wie lassen sich unterschiedliche Formen von Gewalt erkennen? Welche frühen Warnsignale gibt es? Wie verändert Stress unsere Wahrnehmung? Was passiert, wenn wir Verhalten vorschnell interpretieren? Und welche realistischen Handlungsmöglichkeiten haben Einsatzkräfte, wenn Unsicherheit, Zeitdruck und Missverständnisse gleichzeitig auftreten?
Ebenso wichtig: Was passiert nach einem Vorfall? Wie wird er gemeldet und dokumentiert? Wie wird er im Team nachbereitet?
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Gewalt als unvermeidlichen Teil des Berufs zu normalisieren. Im Gegenteil: Die Fortbildung soll Aufmerksamkeit, Sprache und gemeinsame Handlungsfähigkeit stärken.
Die Realität ist zu vielfältig für eine Liste mit „richtigen“ Kulturregeln
Interkulturelle Kompetenz bedeutet für uns nicht, für jede vermeintliche „Kultur“ eine Sammlung von Dos and Don’ts auswendig zu lernen. Menschen sind dafür zu unterschiedlich. Und Einsätze sowieso.
Deshalb arbeiten wir mit konkreten Situationen aus dem Alltag: Was passiert, wenn Sprache fehlt? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Vorstellungen von Nähe, Familie oder Autorität um? Was löst Unsicherheit bei uns selbst aus? Und wie bleiben wir klar, respektvoll und handlungsfähig?
Die Teilnehmenden probieren Situationen aus, wechseln Perspektiven, reflektieren eigene Reaktionen und entwickeln gemeinsam Möglichkeiten für den nächsten Einsatz. Ohne erhobenen Zeigefinger.
Einsatzrealität trifft Psychologie: Bei der Konzeption war uns als EINSATZ+ besonders wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu übersetzen, dass sie für den Einsatzalltag verständlich, greifbar und vor allem praktisch nutzbar werden. Unsere Leitlinien dabei:
Einsatzrealität & Psychologie verbinden: Nicht abstrakt über Kommunikation sprechen, sondern verstehen, was unter Stress tatsächlich in uns passiert.
Wissenschaft praxisnah übersetzen: So wenig Theorie wie nötig – so viel Transfer wie möglich.
Safety first & Leichtigkeit: Psychologische Sicherheit schaffen, Interaktion ermöglichen und Humor nutzen, um schwierige Themen mit Leichtigkeit zu vermitteln, ohne Belastungen oder Gewalt zu verharmlosen.
Belastung anerkennen & Handlungsspielraum stärken: Automatische Reaktionen verstehen, bewusster handeln und die Rolle der Einsatzkräfte als diejenigen stärken, die in herausfordernden Situationen Verantwortung übernehmen, Sicherheit geben und einen Unterschied machen. :
Prof. Constanze Geiert zu Besuch bei einem Training
Und wie bringt man so ein Thema eigentlich in die Pflichtfortbildung?
Genau das war eine der zentralen Fragen zu Beginn des Projekts:
Wie schaffen wir Akzeptanz bei den Teilnehmenden?
Wer kann ein solches Thema qualifiziert vermitteln?
Wie geben wir TrainerInnen genug Sicherheit für schwierige Diskussionen?
Und wie lässt sich das Ganze in bestehende Fortbildungsstrukturen integrieren?
Gerade deshalb war uns nicht nur die Qualifizierung der Teilnehmenden wichtig, sondern auch die intensive Vorbereitung und Begleitung der TrainerInnen. Eine Trainerin beschrieb die Zusammenarbeit so:
„„Das Thema ist komplex. Umso wichtiger war für uns, dass wir durch EINSATZ+ gut auf die Durchführung vorbereitet und eng begleitet wurden. Bei Rückfragen konnten wir uns jederzeit melden und haben schnell eine Rückmeldung erhalten. Das hat uns als Trainer viel Sicherheit für die Fortbildungen gegeben.“
– Steffi Meuche
Und Trainer Holger Schmidt bringt ziemlich gut auf den Punkt, wie sich der Blick auf das Thema im Laufe der Vorbereitung verändert hat:
„Am Anfang hatten wir großen Respekt vor dem Thema und auch die Sorge: Wie sollen wir das gut vermitteln? Durch die Ausbildung und Begleitung von EINSATZ+ haben wir zunehmend Sicherheit bekommen – und nach kurzer Zeit sogar richtig viel Spaß daran entwickelt, die Inhalte zu vermitteln.“
– Holger Schmidt
Für uns zeigt sich nachhaltige Fortbildung nicht nur daran, was Teilnehmende aus einem Training mitnehmen, sondern auch daran, wie sicher diejenigen sind, die es vermitteln. Gerade bei komplexen Themen braucht es TrainerInnen, die fachlich gut vorbereitet sind, Rückhalt haben und auch mit schwierigen Fragen oder Diskussionen souverän umgehen können. Erst dann kann ein Konzept langfristig in einer Organisation wirken
VertreterInnen des Projektes
Wertschätzung auf allen Ebenen
Mit am Tisch waren Dr. Michael Katzsch, Leiter des Dresdner Brand- und Katastrophenschutzamtes, Sven Botta, Fachbereichsleiter der Fortbildung des Rettungsdienstes, Mirko Domaschke, Leiter des Gemeindlichen Vollzugsdienstes, sowie Peggy Frey, Leiterin des Dresdner Ordnungsamtes, Yacin Keller, Ärztlicher Leiter der ILS Dresden und David Sandner, Sachgebietsleiter der Aus- und Fortbildung sowie die Dozent:innen Mathias Diesner, Steffi Meuche, Holger Schmidt und Gero Töppner-Huhle. Damit kamen Perspektiven aus Feuerwehr und Rettungsdienst, kommunalem Vollzugsdienst, Verwaltung und Justiz zusammen.
Der Austausch war direkt, offen und vor allem praxisnah. Wir haben über Erfahrungen aus den Fortbildungen gesprochen und darüber, wie solche Angebote langfristig weiterhin Wirkung entfalten können.
Für uns war es tatsächlich bewegend, in diesem Raum zu sitzen und zu hören, wie positiv Menschen aus ganz unterschiedlichen Rollen auf das gemeinsame Projekt blicken – von den Verantwortlichen in den beteiligten Bereichen bis zu den TrainerInnen, die die Trainings durchgeführt haben.
Besonders gefreut hat uns dabei die Rückmeldung von Prof. Constanze Geiert. Im Gespräch äußerte sie sinngemäß, wie wünschenswert es wäre, wenn möglichst viele Menschen ein solches Training durchlaufen könnten.
Dieser Satz wird uns sicherlich noch lange begleiten. Denn hinter „Worte, die wirken“ steckt viel konzeptionelle Arbeit, Abstimmungen und auch der Mut, ein komplexes Thema anders anzugehen. Zu erleben, dass genau dieser Ansatz von so vielen Beteiligten als hilfreich, praxisnah und relevant wahrgenommen wird, war für uns eine sehr besondere und wertschätzende Rückmeldung.
Danke an alle Beteiligten für die Offenheit, die Zeit, die unterschiedlichen Perspektiven und vor allem die Zusammenarbeit.
Mit EINSATZ+ setzen wir uns dafür ein, dass neben Technik und Taktik auch die menschlichen Fähigkeiten den Raum bekommen, den sie verdienen. Denn fachliche Kompetenz ist unverzichtbar – aber wie wir kommunizieren, Situationen einschätzen, mit Menschen umgehen und auch unter Druck handlungsfähig bleiben, entscheidet im Einsatz genauso mit.
Dass Dresden diesen Themen so viel Raum gibt und inzwischen rund 1.200 Einsatzkräfte „Worte, die wirken“ durchlaufen haben, macht uns deshalb besonders stolz und dankbar. Vor allem aber zeigt es uns, was möglich ist, wenn diese Themen nicht als Zusatz verstanden werden, sondern als fester Bestandteil guter Aus- und Fortbildung.
Hast du Fragen oder Anregungen zu dem Thema oder möchtest mehr dazu erfahren? Melde dich gerne bei uns.
